Kapitel 5: Shadow City
Ich bin immer noch in diesem Jungen namens Dan gefangen. Aber er ist kein Kind mehr, er ist jetzt ein junger Mann. Ich spüre, dass es ihm nicht gut geht. Da ist so ein Ziehen und Verlangen in seinem Kopf. Ein Reissen und Zerren im Geiste. Ich tauche tiefer in seine Gedanken ein und erfahre, dass er Drogenabhängig ist! Oje, er ist doch kein Architekt geworden, er ist ein Junkie!
Vor 2 Monaten hat er das Methadonprogramm angefangen, welches ihm den körperlichen Entzug nimmt, damit er sein Leben wieder in den Griff bekommt. Doch das Methadon, nimmt ihm das seelische Verlangen nach der Droge nicht aus dem Kopf. Das ist etwas, dass kann nur er selber schaffen.
Er sitzt gerade bei einer Psychologin, weil seine Freundin darauf bestanden hatte, dass er dorthin geht. Diese Möchtegern Dr. Freud ist nicht viel älter als er und sitzt ihm gerade gegenüber. Sie schaut ihn an und man sieht das Mitleid in ihren Augen. Das interessante ist, dass Dan auch Mitleid mit dieser Frau verspürt. Die arme hat gerade ihr Psychologiestudium beendet und Dan ist einer ihrer ersten Patienten. Sie ist naiv und hat nicht wirklich Ahnung vom Leben. Sie hat auch keine Erfahrungen mit Drogensüchtigen und geht deshalb Punkt für Punkt ihr Lehrbuch durch.
Diese Frau, hat ihr wissen aus Büchern aber keine Lebenserfahrung. Denn das beste Psychologiestudium, ist das Leben selbst. Es ist also gut möglich, dass Dan eher dieser Frau helfen könnte, als sie ihm.
Sie hat den Raum sehr angenehm eingerichtet. Farbige Tücher an den Wänden, Duftlampen, Kerzen, Bilder und diese bequemen Sessel, bei denen man wie in eine Wolke hinabsinkt wenn man sich setzt.
Auf ein neues startet sie einen Versuch und fragt ihn: „Dan, wann hat es angefangen, wie alt warst du da?“
Ich spüre, dass Dan dies ganz schnell hinter sich bringen möchte. Danach wird er beim rausgehen, ihr Portemonnaie, welches er gesehen hat, aus der Jackentasche im Gang stehlen und sich mit dem Geld etwas Stoff besorgen. Aber bis dahin, muss er ihre Fragen beantworten.
„Mit 14! Da hatte ich das erste mal Heroin?“ antwortet er endlich.
„Und wie war es? Was hast du gespürt“ fragt sie.
„Wie es war? Unerwartet! Nicht so wie ich es mir vorgestellt habe. Es war eigentlich gar nichts! Ich habe nichts gespürt! Kein Schwindel, kein Erbrechen, keine rosa Elefanten die an mir vorbei flogen, kein Abdriften in ferne Welten, nichts! Nada! Und das beste, ich war nicht mal süchtig, obwohl alle immer sagen, dass man da sofort süchtig wird“
„Und ab wann warst du dann süchtig?“
„Das ist ne blöde Frage Frau Doktor! Da gibt es keinen genauen Zeitpunkt, das ist sehr schwammig. Ich sags mal so: Im Nachhinein weiss ich, dass die Sucht ein Schatten war der ab diesem Zeitpunkt oder schon früher über mir schwebte und darauf wartete meinen Geist einzureissen, ihn zu verschlingen. Und er hatte Geduld und alle Zeit eines Menschenlebens! Und bevor ich mich versah, war ich mittendrin!“
„Erzähl mir davon, erzähl mir wie es war als du mittendrin warst“ sagt sie.
Ich spüre, dass Dan nun genervt ist! Sie will von seinen Schatten hören? Na gut, dann wird er ihr eine Geschichte erzählen. Er wird ihr erzählen wie es damals war. Ihr von etwas erzählen, was die wenigsten Menschen jemals gesehen haben. Vielleicht lernt sie etwas daraus?!
„Na gut, wenn sie unbedingt wollen, dann erzähl ich ihnen von meinem Schatten. Sind sie sicher, dass sie es hören möchten?“
„Natürlich“ Antwortet sie verständnisvoll aber nichts wissend.
Danen nimmt noch einen Schluck Tee, schliesst seine Augen und erzählt wie es damals war. Er erzählt es so, als ob es gerade geschieht, als ob er gerade dort währe:
Es ist noch früh am Morgen, draussen besingen die Vögel fröhlich mein Leben und die Morgensonne spieglnd im Tau blendet meine Augen. Ich bin mal wieder „Schneeblind“! So eile ich zitternd und mit Schmerzen in den Gliedern über die Brücke! Drüben auf der Insel singen die Vögel plötzlich nicht mehr. Als ob sie wüssten, dass die Insel nicht vom Leben und Sonnenschein sondern vom Tod geprägt wird.
Schon auf der Brücke werde ich von den Libanesen angesprochen, aber die wollen mich nur ausnehmen! Eilig und voller Ungeduld schreite ich voran. Ein wundervoller
Platz diese Insel im Frühling, mit einem Pavillon darauf, dessen
Spitze in der Morgensonne wie das Ende einer tropfenden Nadel aussieht.
Obwohl es noch früh ist, sehe ich an die 300 Leute umherstreifen, bis zum Mittag werden es an die 800 sein!
Im Umkreis von 100 Metern um den Pavillon herum wimmelt es von Leuten. Sie kaufen, sie verkaufen, sie linken, sie drohen, sie weinen und sie stinken nach Tod. „Heroin, Cocain, Rohibnol, Ketamin, wer braucht wer hat noch nicht“ „Sucht jemand ein Rennvelo, Hifi Anlage, Schreibtisch oder Kücheneinrichtung?“
„Alles innerhalb von Minuten lieferbar“ „CDs, Zigaretten, Sex, echte Schweizer Reisepässe, Schusswaffen oder lieber ein Messer?“
Wer sucht der findet. Hunderte von Leuten schreien durcheinander. Ein Treiben wie an der Börse.
Rund um diese Leute und im ganzen Park verteilen, selbst gebaute Tische, aus Kartonschachteln Einkaufswagen und Holzbrettern.
Tische mit Kerzen, Löffeln, Nadeln, Ascorbin-Lösungen und ab und an auch was zu Essen darauf. Davor stehen Kunden die zahlen, damit sie sich ihren Schuss an so einem Tisch vorbereiten können. Bezahlt wird natürlich am liebsten mit gestreckten Drogen.
Neben den Tischen, zwischen den Bäumen im ganzen Park verteilt, Leute die Kotzen, schlafen, oder sich den Schuss ohne den Komfort eines Tisches geben. Die Leute scheinen einem Zombiefilm entsprungen zu sein, voller Blut und anderen Körperflüssigkeiten.
Dort versucht gerade ein kleines Mädchen die Vene zu finden, das Blut läuft ihr die Arme herab und ihr Freund oder Zuhälter versucht verzweifelt ihr zu helfen.
Da drüben Spritzt einer unter die Zunge, ein anderer in die offene eitrige Wunde an seinem Ellenbogen. Zwei weitere Zombies helfen sich dabei, die Halsschlagader zu treffen, damit der Schuss nicht zum sofortigen Hirntod führt.
Plötzlich werde ich von zwei Sanitätern fast umgerannt, welche in etwa 1 Minute alles geben werden um das Mädchen von vorhin, mit den blutenden Armen, wiederzubeleben. Sie hat die Vene also doch noch getroffen...
Man könnte meinen, dass so eine Wiederbelebung viele Schaulustige anlockt. Weit gefehlt, die meisten schauen gar nicht hin. Ein paar wenige stehen um die Sanitärer herum und suchen den Boden nach verloren gegangenen Drogen ab, während das Mädchen oder besser gesagt die Sanitäter um ihr Leben kämpfen.

Keine halbe Stunde später wird dasselbe Kind sich wieder in die Schlange neben dem Spritzenkiosk stellen um ihr nächstes sauberes Geschirr für den nächsten unsauberen Schuss abzuholen.
Die Vögel singen hier nicht, weil die Schatten sie davon abhalten. Selbst Frau Dr. Freud schweigt jetzt.
Ich steuere also den nächst besten Tisch an um endlich das ziehen und treiben in Magen und Kopf weg zu bekommen. Hinter dem Tisch ein Pärchen eng umschlungen bleich und zitternd, der Tag der lebenden Toten.
Voller Ungeduld mache ich meinen Schuss klar und gebe den zwei Zombies vor mir etwas ab. Ihre dankenden Augen werde ich in meinen Albträumen wieder sehen.
Nun schnell, abbinden, Vene finden, scheisse ja! Vene finden war schon ziemlich schwer, aber nie würde ich es in den Hals machen, eher würde ich sterben!
Nach 4 versuchen rechts und 2 versuchen link klappt es dann doch noch!
Das Blut fliesst in die Nadel wie die Morgenröte in meinen Augen. Dies ist fast noch schöner als der Schuss selbst, ich ziehe immer wieder Blut in die Nadel und zurück. Spüre die Wärme des Schattens, die Kraft des Todes über das Leben.
Dann ist alles drin........... mein Körper kribbelt er ist auf 1000, das Cocain wirkt! Die Schmerzen weg, keine rosa Elefanten, immer noch nicht! Dann ein unendliches Wohlgefühl vom Heroin, dass ebenfalls im Cocktail war, geborgen wie in Mutters Bauch.
„Nimm den schönsten Orgasmus den du je hattest, multipliziere ihn mit 1000 und du bist noch nicht mal nah dran!“
Dieser Spruch stimmt natürlich nicht wirklich, aber die Richtung stimmt. Sagen wir ein irrer Orgasmus aber ohne den sexuellen Part!
Schlussendlich, kann man so was nicht beschreiben, Unmöglich! Das ist wie wenn du versuchst jemanden einen Orgasmus zu beschreiben, der noch nie einen hatte. Egal was du sagst er wird es sich ganz anders vorstellen, als es dann in Wirklichkeit ist.
Natürlich war es gewaltig schön....... manchmal fast eine ganze Minute lang und dann...... ja dann ist fertig und das Gehirn denkt schon daran wie es das Geld (ca.400.-Fr/Tag) für den nächsten „Orgasmus“ herholt.
Während ich also da sitze und versuche das gerade verabreichte länger als 10 Minuten zu geniessen ohne weiter zu denken, schweift mein Blick über die Insel ans „Festland“ keine 100 Meter von mir. Dort spaziert gerade eine Frau mit dem Kinderwagen vorbei, da drüben eine Familie beim Sonntagsausflug und gleich daneben ein Polizist der gerade einen Falschparker aufschreibt.
Der Polizist schaut nicht mal rüber! Obwohl hier gerade Kiloweise Drogen und Waffen ihren Besitzer wechseln. Obwohl hier Leute sterben oder andere ausnutzen und bedrohen. Er würdigt uns keines Blickes! Wieso auch, er hat die Weisung auf dem Platz hier nicht einzugreifen, egal was er sieht.(ausser Mord vielleicht)
So hat man uns unter Kontrolle, bis eine Lösung gefunden wird „lassen wir die Zombies mal machen, vielleicht sind sie ja eines Tages einfach weg, vom Schatten verschluckt.“
Eine völlig überforderte Regierung, die keine Ahnung hatte was sie jetzt tun sollte! Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis man sich entscheidet, diesen Platz zu räumen und uns alle in der Stadt zu verteilen, damit man uns nicht mehr sieht. Es wird noch eine Weile dauern bis die Razzien und Verfolgungs- jagten mit der Polizei losgehen, bis dahin.....
Willkommen auf dem Zürcher
Platzspitz, Shadow- City!
Weltbekannt, einzigartig und ein Pilgerort für Junkies aus aller Welt!
Ich setze mich ins Gras irgendwo zwischen dem ganzen Abfall und Spritzen die hier rum liegen und überlege wie mir das nur passieren konnte?!
Ich erinnere mich an den Tag als ich zu Gott gebete habe er möge dies beenden, auf die eine oder andere Weise. Ich betete auch zum Teufel, sicher ist sicher!
Und meine Gebete wurden erhört, von beiden! Denn ich blieb am Leben und war dennoch tot!
„Und Frau Doktor? Denken sie ich habe vielleicht ein kleines Drogenproblem?“ Sagt Dan zynisch zu seiner bleich gewordenen Psychologin.
Als sie ihre Fassung wieder erlangt hat, fragt sie ihn: „War das wirklich so extrem?“
„Sie denken ich übertreibe? Nein!! Ganz im Gegenteil, ich finde gar nicht die Worte so was zu Beschreiben, es war in Wirklichkeit noch extremer!!“
„Was tun wir jetzt Frau Doktor?“
„Nenn mich nicht Frau Doktor, das hab ich dir doch schon mal gesagt, mein Name ist Susi“
„Ok, Susi, was tun wir jetzt?“ antwortet Dan schnippisch.
Sichtlich verwirrt, geht sie nun die nächste Seite ihres Lehrbuchs im Kopf durch. Sie nimmt ein Blatt und Stifte hervor und sagt:
„Dan, ich möchte, dass du an das schlimmste oder besser gesagt, an das prägenste Ereignis aus dieser Zeit denkst und ein Bild davon malst“
Was? Ein Bild? Haha....ich spüre wie Dan sich gerade zusammenreisst um nicht laut los zu lachen. Ein Gedanke, den ich zugleich sehr lustig und traurig finde, fliegt an mir vorbei:
„Oh, ich soll ein Bild malen? Vielleicht ein Haus Frau Lehrerein? Ja, Häuser kann ich gut malen, mein Vater sagt, ich werde mal Architekt“
Widerwillig nimmt Dan das Blatt und fängt an zu malen. Zuerst eine gelbe Sonne oben Rechts. Die ist Pflicht. Dann malt er etwas das wie ein Bus aussieht links aufs Blatt. Rechts vom Bus malt er ein rundes Zylindrisches Gebilde, mit einer Tür darin. Neben der Tür einen Schlitz und darüber schreibt er „1.-Fr“.
Als er fertig ist schaut er sich das Bild nochmals an und auf einmal spüre ich wie es wieder losgeht:
An meinem Geist wird gezogen, er entreisst sich aus Dan’s Gehirn und dabei höre ich ein Geräusch als ob ein Blatt verrissen wird. Ich falle durch Dan’s Augen hindurch dem Bild entgegen. Als mein Geist das Bild berührt spüre ich etwas wie eine Ohrfeige im Gesicht als ich hindurch falle und auf der anderen Seite erwache:
Drüben stehe ich vor einem kleinen rund-zylindrischem Gebilde mit einer Tür darin. Unerträgliche Krämpfe und Schmerzen überkommen mich, während ich zitternd versuche ein Geldstück in den Schlitz neben der Tür zu stecken.